Ein Missionar unter Kannibalen

Don Richardson war kein Abenteurer auf der Suche nach dem Nervenkitzel – er war ein Mann mit einem brennenden Herzen für Menschen, die Jesus noch nicht kannten. Gemeinsam mit seiner Frau Carol folgte er in den frühen 1960er-Jahren einem außergewöhnlichen Ruf: Sie zogen 1962 in das tiefste Landesinnere von West-Neuguinea (heute Teil von Indonesien), um dort das Evangelium einem Volk zu bringen, das für die westliche Welt nahezu unzugänglich war – den Sawi.

Diese Entscheidung war keine Kleinigkeit. Die Sawi lebten abgeschieden im Dschungel, kannten weder Lesen noch Schreiben – und waren berüchtigt für Stammeskriege, rituellen Kannibalismus und „ehrvollen Verrat“. Für sie galt: Der größte Held war, wer sein Opfer durch List in Vertrauen wiegte – nur um es später zu töten und zu essen. Ein erschütterndes Weltbild.

Als Judas zum Helden wurde

Don begann, ihre Sprache zu lernen – ein langwieriger, mühsamer Prozess. Mit Geduld, Liebe und Respekt näherte er sich ihrer Welt. Und schließlich wagte er es, ihnen die Geschichte von Jesus zu erzählen.

Doch was dann geschah, ließ Don innerlich erschauern: Die Sawi waren begeistert – aber nicht über Jesus. Sie feierten Judas Iskariot als den wahren Helden der Geschichte! Für sie war seine List, Jesus zu verraten, das höchste Ideal. Verrat war für sie eine Tugend – Liebe und Aufopferung hingegen Schwäche.

Wie sollte man da das Evangelium vermitteln?

Das Friedenskind

Don war verzweifelt. Sollte er aufgeben? War dieses Volk überhaupt „bereit“ für die Botschaft von Jesus?

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Um einen drohenden Krieg zwischen zwei verfeindeten Stämmen zu verhindern, nahm ein Stammesoberhaupt sein eigenes Kind – ein kleines, unschuldiges Baby – und übergab es dem Feind. Solange dieses Kind lebte, galt Frieden zwischen den Stämmen. Wer das Friedenskind verriet, galt als verflucht.

In diesem rituellen Akt erkannte Don eine Brücke zum Evangelium – eine sogenannte Redemptive Analogy, eine erlösungsbezogene Parallele innerhalb der Kultur. Er griff diesen Brauch auf und erklärte:

„Gott hat euch auch ein Friedenskind gegeben – seinen eigenen Sohn. Jesus ist das wahre Friedenskind zwischen Gott und uns.“

Diese Botschaft traf das Herz der Sawi. Plötzlich verstanden sie. Nicht Judas war der Held – sondern Jesus, der sich selbst opferte, um Feindschaft zu beenden und Versöhnung zu bringen. Und so begannen viele Sawi, ihr Leben Jesus anzuvertrauen.

Ein ganzes Volk wird verwandelt

Was folgte, war eine tiefgreifende Transformation:

  • Stammesfehden wurden beigelegt.

  • Die Kannibalismus-Rituale hörten auf.

  • Die Sawi lernten Lesen und Schreiben.

  • Die Bibel wurde in ihrer Sprache übersetzt.

  • Gemeinden entstanden – mitten im Dschungel.

Das Evangelium hatte ein Volk verändert – von innen heraus. Und alles begann mit einem Mann, der bereit war, Brücken zu bauen, statt Mauern zu errichten.

Don Richardsons Vermächtnis

Don Richardson schrieb später mehrere Bücher über seine Erlebnisse, darunter das weltbekannte „Friedenskind“ (Peace Child) – ein Klassiker der Missionsliteratur, der später auch verfilmt wurde. Weitere Werke wie Eternity in Their Hearts oder Lords of the Earth vertieften seine Gedanken über Gottes Spuren in den Kulturen der Welt.

Nach seiner Zeit bei den Sawi wirkte er noch viele Jahre in verschiedenen Missionswerken, forschte über Kulturen und lehrte an Seminaren. Gemeinsam mit seiner Frau Carol setzte er sich dafür ein, dass das Evangelium in indigenen Sprachen zugänglich wurde und dass Christen lernten, die „erlösungsbezogenen Analogien“ in fremden Kulturen zu entdecken.

Don Richardson starb am 23. Dezember 2018 in den USA im Alter von 83 Jahren.
Er hinterließ kein Imperium, sondern etwas Tieferes: ein Vermächtnis des Vertrauens, dass Gott in jeder Kultur Anknüpfungspunkte hinterlassen hat – und dass das Evangelium keine westliche Idee ist, sondern eine universelle Wahrheit für alle Menschen.


Impuls zum Mitnehmen

Gibt es in deinem Umfeld Menschen, deren Weltbild dir fremd ist? Menschen, die scheinbar „nicht offen“ für das Evangelium sind?

Vielleicht musst du ihre Sprache lernen – nicht nur mit Worten, sondern mit dem Herzen. Vielleicht hat Gott auch dort ein Friedenskind versteckt – und du darfst derjenige sein, der es entdeckt.


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