Kindheit und Albtraum: Die Familie Mozes in Auschwitz

Eva Mozes wurde am 31. Januar 1934 in einem kleinen Dorf in Rumänien geboren. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Miriam und ihren beiden älteren Schwestern wuchs sie in einer jüdischen Familie auf – geliebt, behütet, voller Hoffnung. Doch als die Nationalsozialisten 1944 Rumänien besetzten, endete die Kindheit jäh: Die Familie wurde nach Auschwitz deportiert.

Kaum angekommen, wurden die Eltern und die älteren Schwestern direkt ermordet. Nur Eva und Miriam blieben am Leben – weil sie Zwillinge waren. Sie gerieten in die Hände von Josef Mengele, dem sogenannten „Todesengel“, der grausame medizinische Experimente an Zwillingen durchführte.

Die Mädchen wurden vermessen, injiziert, gequält. Eva erkrankte schwer, bekam hohes Fieber, konnte kaum noch gehen – und hörte, wie Ärzte ihr nur noch wenige Tage zu leben gaben. Doch sie überlebte. Was sie damals nicht wusste: Auch Miriam wurde langfristig durch die Versuche geschädigt. Später entwickelte sie eine schwere Nierenerkrankung, die auf den Giftcocktail zurückgeführt wurde, der ihr injiziert worden war. Eva spendete ihr Jahre später eine Niere. Miriam starb 1993 an Nierenkrebs – eine Folge der medizinischen Gewalt.

Am 27. Januar 1945 wurden die beiden Schwestern schließlich von der Roten Armee befreit. Doch das, was sie erlebt hatten, ließ sie nie wieder los.

Miriam (ganz rechts) und Eva Mozes (neben ihr, teilweise verdeckt) bei der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945

 


Neuanfang – und die Entscheidung zu leben

Camila Meneses Castro, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nach dem Krieg kehrten Eva und Miriam zunächst nach Rumänien zurück. Später wanderten sie nach Israel aus, wo Eva zehn Jahre in der Armee diente. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann Michael Kor kennen – einen amerikanischen Holocaust-Überlebenden. Mit ihm wanderte sie in die USA aus und ließ sich in Terre Haute, Indiana, nieder.

Doch der Krieg, die Experimente, das Trauma – all das blieb. Und so begann Eva zu sprechen. Für sich – und für jene, die nicht mehr sprechen konnten. Gemeinsam mit ihrer Schwester gründete sie 1984 die Organisation CANDLES („Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiments Survivors“), mit dem Ziel, andere Überlebende der Zwillingsversuche zu finden, zu vernetzen und sichtbar zu machen. Die Organisation konnte weltweit 122 Überlebende ausfindig machen.

Nach dem Tod ihrer Schwester eröffnete Eva 1995 das CANDLES Holocaust Museum and Education Center in Terre Haute. Es wurde 2003 durch Brandstiftung zerstört – und zwei Jahre später wieder aufgebaut. Für Eva war es ein Ort der Erinnerung, aber auch der Hoffnung: Sie wollte vor allem junge Menschen erreichen und gegen das Vergessen kämpfen.


Vergebung – nicht für die Täter, sondern für sich selbst

Oregon State University, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

1995 reiste Eva erneut nach Auschwitz. In der Hand: eine offizielle Vergebungserklärung. Nicht aus Naivität. Nicht, weil sie das Leid vergessen wollte. Sondern weil sie endlich frei sein wollte. Frei von Hass, frei von Bitterkeit, frei von der Last, die Täter ihr auferlegt hatten.

Sie vergab öffentlich – und sorgte damit für weltweite Schlagzeilen. Sie vergab nicht, um die Schuld der Täter zu lindern, sondern um ihr eigenes Herz zu befreien. „Ich vergebe nicht, weil sie es verdienen, sondern weil ich es verdiene“, sagte sie.

Ein besonders symbolträchtiger Moment war der Auschwitz-Prozess gegen Oskar Gröning, den sogenannten „Buchhalter von Auschwitz“. Eva reiste zum Prozess nach Lüneburg, saß unter den Nebenklägern – und tat etwas, womit niemand gerechnet hatte: Sie reichte dem Angeklagten die Hand. Nicht, weil sie seine Taten entschuldigte. Sondern, weil sie an die heilende Kraft der Vergebung glaubte.

In Interviews betonte sie, dass ihr nicht an Rache oder Gefängnisstrafen gelegen sei. Ihr ging es vielmehr um Aufklärung, um das Weitergeben der Wahrheit an junge Menschen. „Wenn Gröning 1000 junge Leute zur Auseinandersetzung mit Auschwitz bringt, ist das für mich wertvoller als jede Strafe“, so ihre Überzeugung.

Diese Haltung stieß jedoch auf großen Widerstand. 49 der anderen Nebenkläger distanzierten sich öffentlich von ihr. Einige sprachen von Verrat, andere von mangelndem Respekt vor den Opfern. Doch Eva blieb standhaft. Für sie war Vergebung kein Schwächezeichen, sondern der einzige Weg in die Freiheit.


Abschied und Vermächtnis

Eva Mozes Kor blieb bis ins hohe Alter eine unermüdliche Botschafterin der Erinnerung und der Vergebung. Noch mit über 80 Jahren reiste sie regelmäßig nach Auschwitz, führte Besuchergruppen und erzählte ihre Geschichte – immer mit dem Anliegen, dass die nächste Generation versteht, was geschehen ist.

Am 4. Juli 2019 starb sie in Krakau, Polen, während einer ihrer jährlichen Bildungs- und Gedenkreisen mit CANDLES, im Alter von 85 Jahren. Passenderweise war sie in der Nähe des Ortes, an dem ihre eigene Leidensgeschichte begonnen hatte – und zugleich an dem Ort, an dem sie für viele Menschen zu einem Symbol für Hoffnung und innere Freiheit geworden war.

Ihr Leben bleibt ein Vermächtnis: dass selbst im Angesicht des Unaussprechlichen ein neuer Anfang möglich ist – durch Mut, Wahrheit und die Kraft der Vergebung.


Vergebung und der christliche Glaube – eine Brücke

Eva Mozes Kor selbst begründete ihre Entscheidung zur Vergebung nicht explizit aus einem religiösen Glauben heraus. Ihre Motivation war zutiefst persönlich: Sie wollte sich von der Vergangenheit nicht länger bestimmen lassen. Doch in ihrem Lebensweg spiegeln sich zentrale christliche Prinzipien wider – besonders das Herzstück der christlichen Botschaft: Vergebung.

Jesus selbst sprach am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Die Kraft, nicht nur Schuld zu benennen, sondern sie loszulassen – das ist der Kern des Evangeliums.

Evangelium bedeutet nicht: „Es ist alles gut.“ Sondern: „Es gibt einen Weg zur Heilung.“ Eva Mozes Kor lebte diesen Weg auf ihre Weise. Ihre Vergebung war keine Absage an die Gerechtigkeit – sondern eine Entscheidung, nicht länger Sklavin des Schmerzes zu sein.


Ein Appell

Vergebung ist schwer. Besonders, wenn das Unverzeihliche geschehen ist. Doch gerade Eva Mozes Kor hat gezeigt, dass Vergebung nicht bedeutet, das Leid zu leugnen – sondern es zu durchbrechen. Ihre Geschichte ist kein Aufruf zur Passivität. Sondern zur Befreiung.

In einer Welt voller Brüche und ungelöster Konflikte ist ihre Stimme ein Ruf zur inneren Heilung:
Vergeben heißt nicht vergessen – sondern frei werden.


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Hinweis zum Titelbild: Dieses Bild wurde teilweise mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt und stellt eine künstlerische Interpretation dar.