Gracia und Martin Burnham führten ein Leben voller Hingabe – und voller Liebe.
Als junge Christen fühlten sie sich früh zur Mission berufen. Sie lernten sich am Calvary Bible College in Kansas City kennen. Gracia war fasziniert von Martins entspannter Art, seinem feinen Humor und seinem warmen Lächeln. Die beiden verliebten sich schnell – und heirateten im Frühjahr 1983.

Bald darauf zogen sie mit ihrer wachsenden Familie auf die Philippinen.
Martin arbeitete als Buschpilot für die Missionsgesellschaft New Tribes Mission – er flog Bibeln, Medikamente und oft auch Kranke aus abgelegenen Dschungelregionen. Gracia betreute die Funkverbindungen, unterrichtete die Kinder zuhause und war Gastgeberin für andere Missionare.

Ein einfaches Leben. Aber ein erfülltes.
Fast 15 Jahre dienten sie gemeinsam mit Freude – bis sie im Mai 2001 zu einem kurzen Inselurlaub aufbrachen, nichtsahnend, dass sie nie wieder gemeinsam zurückkehren würden.

Was dann geschah, war grausam, herzzerreißend – und zutiefst bewegend.
Diese Geschichte erzählt von Geiselhaft, Leid und Verlust,
aber auch von Gnade, Glauben und einer Hoffnung, die selbst im Dschungel nicht vergeht.


Urlaub in den Albtraum – Die Entführung beginnt

Palawan, 27. Mai 2001 – Eigentlich sollte es ein kurzer Erholungsurlaub zum Hochzeitstag werden. Martin Burnham war gerade aus den USA zurückgekehrt, wo er eine kurze Dienstreise absolviert hatte. Gracia überraschte ihn mit einem Wochenendtrip ins Inselresort Dos Palmas, vor der Küste der philippinischen Insel Palawan.

Doch in den frühen Morgenstunden – noch im Halbschlaf – wurde ihr Zimmer plötzlich von drei bewaffneten Männern gestürmt.
Martin und Gracia hatten keine Chance zu entkommen. Gemeinsam mit 18 weiteren Geiseln wurden sie verschleppt – hinaus aufs offene Meer. Auf dem Boot schrien die Entführer:

„Allahu Akbar! Allahu Akbar!“

Die Terrorgruppe Abu Sayyaf, eine islamistische Organisation mit Verbindung zu Al-Qaida, hatte sie in ihre Gewalt gebracht.
Während andere Geiseln gegen Lösegeld freigelassen wurden, hielten die Entführer Martin und Gracia – beide US-Bürger – als politische Verhandlungsmasse zurück.

Einige Tage später erreichten sie mit einem gestohlenen Fischerboot die Insel Basilan. Schon dort kam es zu ersten schweren Gefechten mit der philippinischen Armee. Die Terroristen flohen – mitsamt ihren Geiseln – tief in den Dschungel. Die Burnhams erlebten ihre erste Schießerei. Es sollte nicht die letzte sein.


Nachgezeichnet aus dem Entführervideo

Leben in ständiger Todesangst & Zweifel an Gottes Liebe

Was folgte, war eine Geiselhaft von über 376 Tagen, durchzogen von Gewalt, Krankheiten, Hunger und ständiger Lebensgefahr.
Die Burnhams litten unter dem feuchten Klima, der ständigen Flucht durch unwegsames Gelände, dem Mangel an Nahrung, Hygiene und medizinischer Versorgung – und unter der Angst, jederzeit getötet zu werden.

Ein besonders traumatisches Erlebnis war die Flucht in einem überfüllten Jeepney – einem typischen philippinischen Minibus. Nicht alle Geiseln fanden darin Platz. Einige mussten zurückbleiben. Später erfuhren Martin und Gracia, dass diese Menschen grausam getötet worden waren.

Gracia hielt lange durch. Aber mit der Zeit begannen sich dunkle Zweifel in ihr Herz zu schleichen. Sie verlor ihren Glauben nicht – doch sie begann zu fragen:
Liebt Gott mich noch? Warum greift er nicht ein? Warum lässt er all das zu?

Martin blieb in dieser Zeit ein fester Anker. Unter den Geiseln wurde er bald als eine Art „Seelsorger“ geschätzt – er betete regelmäßig laut, spendete Trost, sprach Hoffnung zu. Auch seiner Frau begegnete er mit Geduld und Tiefe. Als sie ihm anvertraute, dass sie kaum noch an Gottes Liebe glauben könne, antwortete er sanft:

„Du musst dich entscheiden. Entweder du glaubst alles, was die Bibel über Gott sagt – oder gar nichts.“

Gemeinsam sprachen sie Bibelverse auswendig, beteten – und trafen eine Entscheidung: Sie wollten an Gottes Liebe festhalten, auch wenn sie sie nicht immer fühlen konnten.  


Der Moment, der alles veränderte

7. Juni 2002. Nach über einem Jahr in Gefangenschaft – gezeichnet von Hunger, Krankheiten, Angst und Hoffnungslosigkeit – lag ein weiteres Mal der feuchte Dschungel der philippinischen Insel Mindanao über Gracia und Martin Burnham. Der Regen hatte eingesetzt, während sie sich gemeinsam in ihre Hängematte zurückzogen. Martin hatte zuvor über Psalm 100 gesprochen: „Dient dem Herrn mit Freuden.“

„Vielleicht kommen wir nicht lebend aus diesem Dschungel heraus“, hatte er gesagt, „aber wir können diese Welt verlassen, nachdem wir dem Herrn mit Freuden gedient haben.“

Sie beteten noch gemeinsam – dankten Gott für seine Bewahrung, baten um Rettung und versprachen ihm, selbst in diesen Umständen mit Freude zu dienen.

Dann schlossen sie die Augen – und es kam, wie so oft, plötzlich.

Ein weiteres Feuergefecht. Das 17. innerhalb eines Jahres.

Schüsse. Chaos. Schreie. Gracia sprang aus der Hängematte – so wie sie es gelernt hatte. „Sofort fallen lassen“, hatte Martin ihr immer wieder eingebläut. Doch diesmal kam sie nicht weit: Noch in der Bewegung durchschlug eine Kugel ihr rechtes Bein. Sie spürte den Schmerz, rutschte den Hang hinunter – und kam zum Liegen.

Direkt neben Martin.

Als sie sich umdrehte, sah sie ihn liegen – verdreht, mit geschlossenen Augen. Ein blutiger Fleck breitete sich auf seinem Hemd aus. Seine Atmung war schwer – ein leises, raues Schnaufen. Gracia wagte kaum, sich zu rühren. Sie wusste, wenn die Entführer sahen, dass sie noch lebte, würden sie sie zwingen, trotz ihrer Verletzung zu fliehen. Also lag sie still. Tat so, als sei sie tot.

Granaten explodierten. Kugeln schlugen ringsum ein. Gracia betete: „Herr, wenn ich jetzt sterben soll – dann lass es schnell gehen.“

Doch der Schmerz in ihrem Bein war nichts im Vergleich zu dem Entsetzen in ihrem Herzen. Minuten vergingen. Dann – plötzlich wurde Martins Körper schwer. Er sackte gegen sie. Stille. Keine Atmung mehr.

Gracia konnte es nicht glauben. Vielleicht war er nur ohnmächtig? Doch tief in sich wusste sie es: Der Mann, den sie mehr liebte als alles auf der Welt, war tot.

Als die Schüsse verstummten, hörte sie Stimmen – Soldaten der philippinischen Armee. Vorsichtig hob sie ihre Hand. Sie wollte niemanden erschrecken – und zeigen: Ich lebe noch. Zwei Soldaten entdeckten sie, rannten zu ihr, versuchten, sie hochzuheben – sie schrie auf vor Schmerz. Also trugen sie sie vorsichtig zurück zur Hängematte.

Ein letzter Blick zu Martin: Regungslos. Das Blut auf seinem Hemd hatte sich ausgebreitet. Sein Gesicht war bleich. Und Gracia wusste: Er war wirklich gegangen.


Gezeichnet – und geistlich gereift

Gracia wurde geborgen und in die USA zurückgebracht. Ihre drei Kinder warteten dort auf sie – ohne ihren Vater.

Nach ihrer Rückkehr begann für Gracia eine Zeit des stillen, inneren Ringens.
Sie stellte sich ihrer Trauer, den überwältigenden Erinnerungen – und den dunklen Gefühlen, die diese Zeit in ihr wachgerufen hatte. Doch viele der schmerzhaftesten Erkenntnisse hatte sie bereits im Dschungel gewonnen:
Nicht nur über ihre Entführer – sondern auch über sich selbst.
Sie entdeckte in sich Gefühle von Hass, Bitterkeit und Rachsucht.
Sie hatte sich für stärker gehalten, für gläubiger, gefestigter.
Doch die Monate der Angst und Hoffnungslosigkeit zeigten ihr, wie zerbrechlich das Fundament sein kann, auf das man sich in sicheren Zeiten verlässt.

Sie verlor ihren Glauben nicht. Aber sie begann zu zweifeln.
An Gottes Nähe. An seiner Liebe. An seinen Wegen.
Die Enttäuschung über das Ausbleiben sichtbarer Hilfe wuchs – und brachte sie an einen Punkt, an dem sie Gott neu begegnen musste. Nicht in einem emotionalen Höhepunkt, sondern im Durchhalten. Im Durchringen. Im Festhalten an Verheißungen, die sie nicht fühlen, aber dennoch wählen konnte.

Bereits während der Gefangenschaft begann sie zu beten, dass Gott ihr das geben möge, was sie selbst nicht mehr aufbringen konnte: Liebe, Freude, Frieden. Und sie durfte erleben, wie Gott genau das in ihr Herz legte – mitten im Chaos, inmitten von Tod und Finsternis.

Nach ihrer Rückkehr schrieb sie ihre Gedanken, Erfahrungen und inneren Kämpfe nieder. Daraus entstand ihr erstes Buch: „In the Presence of My Enemies“.
Mit der Veröffentlichung wagte sie den Schritt in die Öffentlichkeit – nicht als Heldin, sondern als Frau, die zutiefst erschüttert war und dennoch bezeugen wollte, dass Gott sie getragen hatte.

Sowohl während der Gefangenschaft als auch in der Zeit danach wuchs in ihr eine neue Tiefe.
Sie erkannte:
– Dass Gottes Gegenwart nicht an äußere Umstände gebunden ist.
– Dass Vergebung kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung.
– Und dass Heilung nicht bedeutet, dass alles wieder gut wird – sondern dass Gott auch das Zerbrochene in Gnade hüllen kann.


Gracia Burnham

Das Gute im Dunkeln

Rückblickend sagt Gracia, dass diese dunkle Zeit ihr nicht nur Schmerz, sondern auch Wahrheit gezeigt hat.
Die Wahrheit über sich selbst. Die Wahrheit über Gott. Und die Wahrheit darüber, was es bedeutet, wirklich zu vergeben.

Einige Jahre nach ihrer Rückkehr erfuhr sie, dass durch eine christliche Gefängnisarbeit in Manila mehrere ihrer früheren Entführer das Evangelium gehört hatten – unter anderem durch eine Comicbibel, die Gracia selbst mitübersetzt hatte.

Fünf Männer, die einst zur Terrorgruppe Abu Sayyaf gehörten, kamen seither zum Glauben an Jesus Christus.
Nicht durch Gracia persönlich – aber durch das Evangelium, das den Weg zu ihren Herzen fand.
Und wer weiß, welchen Anteil ihr stilles Zeugnis von Vergebung und Hoffnung daran gehabt haben mag.

Rückblickend brachte sie es auf den Punkt:
Ihr Leid sei nicht vergeblich gewesen, wenn es dazu beigetragen habe, dass Menschen durch Gottes Wirken zu ihm fanden.


Heute

Heute lebt Gracia in den USA und ist weiterhin als gefragte Sprecherin aktiv. Sie berichtet bei Konferenzen, in Gemeinden und auf Missionsveranstaltungen von ihrer Geschichte – nicht, weil sie stark ist, sondern weil sie weiß, woher ihre Kraft kommt

Außerdem ist sie Gründerin und Direktorin der Martin & Gracia Burnham Foundation. Diese unterstützt gezielt Projekte in vier Schwerpunktbereichen:

  • Mission unter muslimischen Volksgruppen
  • Flugdienst für entlegene Regionen („Missionary Aviation“)
  • Unterstützung der verfolgten Kirche
  • Hilfe für Volksgruppen ohne eigenes Bibelwort

Ihre Geschichte bleibt ein lebendiges Zeugnis dafür, dass Gott auch dann treu bleibt, wenn unser Glaube wankt.
Dass er aus Schmerz Hoffnung wachsen lässt.
Und dass selbst das dunkelste Kapitel nicht das letzte Wort hat.


Hinweis: Einige der hier erzählten Szenen stammen aus Gracia Burnhams Buch In the Presence of My Enemies und erzählen ihre persönlichen Erinnerungen an die Zeit der Geiselhaft nach.

Quellen:

Im Angesicht meiner Feinde – Gracia Burnham (CLV) | Compelled Podcast | Jesus.ch | Christianity Today | CNN | Today’s Christian Woman | Mission Network News | Martin & Gracia Burnham Foundation | Answers in Genesis


Mehr über Gracia Burnham

Die ganze Geschichte von Gracia und Martin Burnham – ehrlich, tiefgehend und bewegend – kannst du in ihrem Buch „Im Angesicht meiner Feinde“ nachlesen.
Das Buch steht kostenlos als PDF beim CLV Verlag zur Verfügung: clv.de/Im-Angesicht-meiner-Feinde/256270

Weitere Informationen zu Gracia Burnham und ihrem Dienst findest du auf ihrer offiziellen Webseite: graciaburnham.org 


Eine ähnlich dramatische Geschichte aus der Mission ist die von Darlene Deibler Rose, die es hier zu lesen gibt.


Hinweis zu den Bildern: Die im Artikel verwendeten Zeichnungen und Portraits wurden mithilfe moderner KI-Technik erstellt. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung, um die Geschichte lebendig und greifbar zu machen – sie sind keine originalen historischen Aufnahmen.