Als ich die letzte Seite gelesen hatte und das Buch zuklappte, liefen mir die Tränen die Wangen hinunter. So sehr hat mich die Geschichte über Gerhard Bauer, alias Rocky bewegt. Vor wenigen Wochen, habe ich das kleine Büchlein „Udo, Rocky und das ewige Leben“ von Michael Ackermann durchgelesen und es ließ mich nicht mehr los.
Nun sitze ich da und lausche Gerhards sanfter Stimme während eines Interviews, das er 1986, nur wenige Wochen vor seinem Tod, gab. Die Stimme passt nicht so recht zu dem Bild des am ganzen Körper tätowierten Mannes mit Irokesenhaarschnitt. Doch wer sich näher mit der Geschichte um Gerhard Bauer befasst, erkennt, dass hinter dieser äußeren Fassade nur eine Maske steckt. Diese Maske versuchte eine sensible, verletzliche Seele, die auf der Suche nach Annahme und Liebe war, zu schützen.

Der Mann ohne Maske

Sein Leben ist schon von früh an von Ablehnung gezeichnet.
Am 26. November 1926 wird Gerhard in Berlin geboren und wächst in Berlin-Wedding auf. Sein Vater ist Nazi und Träger vom goldenen Parteiabzeichen. Er entstammte einer Potsdamer Soldatenfamilie und seine Erziehung zeichnet sich durch Drill aus. Gefühle zeigt er keine. Oft macht der Vater Gerhard Vorwürfe und prophezeit über ihn, dass er es nie zu einem Soldaten schaffen würde, zu einem richtigen Mann.
Die Eltern führen eine sehr unglückliche Ehe, die sie nur zum Schein nach außen hin aufrechterhalten. Seine Mutter leidet sehr unter der Situation.
Aufgrund der nationalsozialistischen Haltung des Vaters darf er auch nicht mit seinen Nachbarn und Mitschülern spielen. Er wächst sehr einsam auf. Obwohl es ihm zu Hause an nichts Materiellem fehlt, fühlt er sich wie gefangen in einem Käfig.
Um doch noch den Respekt und die Annahme seines Vaters zu verdienen, meldet er sich 1943 freiwillig zum Militärdienst, bleibt aber vom Kampfgeschehen weitestgehend verschont.
Sein Vater wird beim Einmarsch der Russen 1945 erschossen. Gerhard kommt in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 wieder entlassen wird.

Gerhard verliebt sich in ein 18-jähriges Mädchen aus gutem Hause. Mit ihr ist er glücklich. Sie verloben sich und bald wird eine Tochter geboren. Um Geld zu verdienen und ihnen ein gemeinsames Leben zu ermöglichen, beginnt er als Fluchthelfer zu arbeiten. Dabei wird er in der DDR geschnappt und aufgrund von Spionagevorwürfen zu 25 Jahren Haft verurteilt. Zusammen mit etwa 6000 Mann wird er in Bautzen inhaftiert.
Verzweifelt und hoffnungslos, gemeinsam mit 400 Mann in einem Schlafsaal auf engstem Raum zusammen gepfercht, kommt Gerhard erstmals mit Homosexualität in Berührung.

In einer offenen Postkarte muss Gerhard seiner Mutter von der Verurteilung berichten.
Diese verkraftet die schreckliche Nachricht nicht und erleidet einen Schlaganfall, an dem sie stirbt. Erst nach ihrer Beisetzung erfährt Gerhard von dem Tod seiner Mutter und hat somit nicht einmal die Möglichkeit sich zu verabschieden.
Seine Verlobung möchte Gerhard wegen seiner Inhaftierung lösen, denn er sieht keine Zukunft und möchte die junge Frau nicht an sich binden. Doch diese versichert ihm, dass sie zu ihm stehen und bei ihm bleiben werde.
Unter ihrem Mädchennamen schreibt sie ihm Briefe, schickt ihm Pakete und besucht ihn in der Haftanstalt.
Während seiner Haftzeit lässt er sich auch seine ersten Tätowierungen stechen. Sie erzählen Geschichten aus seiner Seele.

Nach achteinhalb Jahren wird Gerhard 1957 vorzeitig begnadigt, aus der Haft entlassen und nach Berlin abgeschoben. Er findet nicht mehr das Mädchen vor, mit dem er sich verlobt hatte, sondern eine – mit seinem besten Freund – verheiratete Frau. Ihre Entschuldigung ist, dass sie es Gerhard während seiner Gefängniszeit nicht noch schwerer machen wollte.

Gerhard fühlt sich einsam, sehnt sich nach Geborgenheit und Liebe.
Weil er sie selber nicht erfahren kann, möchte er sie hilflosen Kindern schenken. Er wagt einen Neuanfang, macht eine zweite Ausbildung zum Krankenpfleger und arbeitet in Hannover mit körperlich behinderten Kindern. Die Arbeit bereitet ihm viel Freude und erfüllt ihn.
Nachdem der einfühlsame und tolerante Chef der Einrichtung 1964 stirbt, wird Gerhard von dessen Nachfolger entlassen. Der Mann versichert ihm, dass ihn persönlich die Tätowierungen nicht stören würden, sie aber dem Betriebsklima schaden.
Gerhard erkennt, dass nicht das Innere zählt, der Mensch mit seinen Werten und auch nicht sein Arbeitseinsatz, sondern nur das Äußere. Zum wiederholten Mal in seinem Leben, erfährt er die Enttäuschung durch Ablehnung.

Der Mann mit der Maske

Es ist vor allen Dingen eine Trotzreaktion, die Gerhard dazu verleitet, sein Gesicht und seinen Körper hinter zahllosen Tätowierungen zu verstecken. Mit der entsprechenden Kleidung komplettiert er sein angsteinflößendes Erscheinungsbild, durch das er bald an Bekanntheit gelang.

Inzwischen lebt er in Hamburg. In der Szenen rund um die Reeperbahn wird er gleichermaßen gefürchtet, als auch verehrt. Rocky genießt dieses Ansehen.

Aus dem Bedürfnis heraus, Menschen mit Gleichheit zu finden, dem Wunsch nach Gemeinschaft, Annahme und Hilfe in Not, wendet sich Rocky der Rockerszene zu. Zunächst hat er Angst, für diese Szene nicht stark genug zu sein, doch er entscheidet sich bewusst für dieses Leben, weil er dazugehören will.
Er schließt sich einer Gruppe an und folgt dabei auch deren strengen Statuten. Er erkennt, dass man je mehr man das Gesetz bricht, umso mehr zu der Gruppe gehört.
In dieser Zeit übergibt Rocky sein Leben dem Teufel. Nach der Aufnahmeprüfung werden ihm zwei fünfzackige Satanssterne ins Gesicht tätowiert. Die Sterne bedeuten: „Ich bin Gott und heile mich selbst aus Satans Kraft“. Die Gruppe nimmt an okkulten Handlungen teil. Sie halten schwarze Messen, betreiben Totenkopfanbetung, tragen schwarze Kleidung und umgekehrte Kreuze um den Hals, als Zeichen dafür, dass für sie Satan der Sieger über Christus ist. Durch ihr Handeln wollen sie den Teufel und den Tod verherrlichen.
Später in dem Interview sagt Gerhard dazu, dass die Angst nicht kommt, wenn man sich dem Teufel verschreibt, sondern später, wenn man sich wieder lossagen möchte.
Obwohl er anfangs nicht gedacht hätte, dass er sich selber verliert, muss er nun erkennen, dass er eine neue Identität angenommen hat. Er erkennt, dass er nicht mehr sich selber, sondern anderen Mächten gehorcht.
Sinnlose Gewalt, Einbrüche und Diebstähle gehören inzwischen zu seinem neuen Leben dazu. Für eine Straftat mit Todesfolge wird Rocky zu einer milden zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Der Richter hatte, wegen Rockys schwerer Vergangenheit in Bautzen, Milde walten lassen.

Gerhard führt nur oberflächliche Beziehungen zu Frauen und Männern. Es versucht kein gemeinsames Leben aufzubauen, sondern sucht nur nach augenblicklichem Spaß. Er weiß, dass er selber nichts mehr zu geben hat.

1974 entscheidet sich Rocky dem kriminellen Milieu den Rücken zuzukehren.

Wegen seiner Tattoos und seines exotischen Aussehens wird er im NDR zu der Talkshow „3 nach 9“ eingeladen. Von da an öffnen sich für Rocky verschiedene Türen. Rocklegende Udo Lindenberg, mit dem er zuvor eine kurze Begegnung hatte, wirbt ihn für sein „Panikorchester“ an. Von 1976 bis 1984 tourt Rocky mit Udo und dem Panikorchester. 1980 kommt Rocky’s erste Solo-Single „Ich such’n Job“ heraus.
Als Stimmungsmacher genießt Rocky das Rampenlicht. Doch nach den Shows und den Zurufen begeisterter Fans folgt die Einsamkeit in Hotelzimmern. Er fühlt sich allein und verlassen. Panik und Lampenfieber führen dazu, dass Rocky mit Drogen in Kontakt kommt.

Bei der Fernsehaufzeichnung der Show „Götterhämmerung“ mit Udo und dem Panikorchester, bei dem Rocky als Satan auftreten soll, bricht er zusammen. Bei der Untersuchung wird eine Krebserkrankung diagnostiziert.

Der Mann hinter der Maske

Ein Jahr später, im Juni 1985, kommt Rocky an einer Gruppe Pantomime-Künstlern von „Jugend mit einer Mission“ vorbei. Als er erkennt, dass es sich bei den Darstellern um Christen handelt, versucht er schnell zu fliehen. Oft hat er in seiner Vergangenheit Christen kennengelernt und wurde von ihnen, bzw. von ihrem Lebensstil, der nicht ihren Worten entsprach, enttäuscht. Doch als er sich umdreht und weglaufen will, steht ein junger Mann vor ihm und spricht ihn freundlich an. Er begegnet ihm liebevoll. „Wie kaputt und zerrissen musst du innerlich sein, um so herumzulaufen. Wie wund muss dein Herz sein“. Rocky ist bewegt darüber, dass jemand hinter seine Maske sehen kann und auch noch den Mut hat, ihn darauf anzusprechen. Rocky registriert, dass der junge Mann zu den Christen gehört, mit denen er doch eigentlich nichts zu tun haben will. Doch sie unterhalten sich weiter und schließlich darf Hans sogar für Gerhard beten.

Am nächsten Tag geht Rocky dort entlang, wo tags zuvor noch die Gruppe ihren Auftritt gab. Er denkt darüber nach, dass es toll war am gestrigen Tag, mit Hans die Unterhaltung geführt zu haben. Doch jetzt ist niemand mehr da. Also ist man doch verlassen. Er hat seine traurigen, enttäuschten Gedanke noch nicht zu Ende gedacht, als plötzlich zwei junge Menschen auf ihn zukommen und ihn beim Vornamen nennen.
Er ist verwundert, da er in der Regel mit Rocky angesprochen wird. Gerhard erkennt, dass es Hans und eine Begleiterin sind, die sich mit ihm unterhalten.

Am darauffolgenden Dienstag geht Rocky dann ins Jesus-Center. Es erregt natürlich Aufsehen, dass er tatsächlich gekommen ist. Ihm wird klar, dass diese Annahme, die er dort erlebt, nicht von Menschen gemacht ist, er spürt eine ganz andere Kraft.

Nach sechs Stunden intensiven Gesprächs und Gebets entscheidet sich Gerhard Bauer schließlich, sein Leben Jesus zu übergeben. Das ist der Beginn eines ganz neuen Lebens mit Jesus.

Als er das erste Mal in die Baptistengemeinde in Altona kommt, spürt Gerhard, wie ihn zwei Stricke in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Ein Strick zieht ihn in die Kirche, der andere versucht ihn wegzuziehen. Vor der Tür kommen ihm beunruhigende Gedanken: Was, wenn er auch hier wieder Ablehnung erfährt. Er kannte ablehnende Blicke und er fürchtet sich in diesem Moment besonders davor.
Der Strick, der ihn zur Kirche hinzieht, ist stärker. Als Gerhard den Raum betritt, erfährt er keine Blicke der Ablehnung, sondern pure Liebe und Annahme. Als Gerhard aufsteht und sich der Gemeinde vorstellt, wie es bei Gästen üblich ist, sagt er:
„Ich glaube ich bin kein Besucher und kein Gast. Ich glaube, ich habe ein Zuhause gefunden.“

In den nächsten anderthalb Jahren kommt es zu einer radikalen Kehrtwende in seinem Leben. Er erfährt bei dem, den er nie gesucht hatte, die Liebe und Annahme, nach der er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte. Rückblickend kann Gerhard sagen, dass Gott ihm immer wieder nachgegangen ist, aber er immer wieder weggelaufen ist und neue Schuld auf sich geladen hat.
Gerhard erfährt Rettung und Erlösung von all dieser Schuld und weiß sich nun als geliebtes Kind.

Er wird in dieser Zeit zu vielen Veranstaltungen eingeladen und darf Zeugnis über sein Leben geben, das durch Jesus die entscheidende Kehrtwende erfuhr. Sehr viele Menschen erfahren durch ihn, dass Jesus auch das gebrochenste Leben wieder herstellen und heilen kann. Seine Zuhörer sind Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten.
Die vielen schlimmen Jahre in seinem Leben, aber vor allen Dingen der Wendepunkt zu einem Leben mit Gott, machen ihn zu einem Ratgeber und Seelsorger für viele Menschen. Sogar an seinem Krankenbett wird er von vielen Leuten besucht und um Rat gefragt.

Gerhard weiß, dass Gott ihn heilen kann. Aber er betet, dass Gottes Wille geschehen soll. Er würde sich freuen, ihm hier auf der Welt noch zu dienen, aber er freue sich auch nach Hause zu kommen.

Gerhards Worte im Interview fesseln. Dass dieser Mann weiß, wovon er spricht und die lebensverändernde, heilende Kraft Gottes in seinem eigenen Leben erfahren hat, lässt sich nicht bezweifeln. Er kennt seinen Gott.
Am 04. Januar 1987 darf Gerhard Bauer nach Hause gehen. Seine letzten Worte sind:
„Vater, ich gehe jetzt zu Dir.“

Anita Holweger


Quellen:
Rocky, der Mann mit der Maske (Interview). In drei Teilen bei Youtube (Bitte beachtet auch deren Datenschutzbestimmungen): Teil 1 | Teil 2 | Teil 3
Wikipedia | Buch: „Udo, Rocky und das ewige Leben“ von Michael Ackermann. (Bei Soulsaver.de könnt ihr das Buch kostenlos herunterladen)


Dieser Artikel ist zunächst im August 2022 bei www.mit-gott-erlebt.de erschienen.

Hinweis zum Titelbild: Dieses Bild wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt und stellt eine künstlerische Interpretation dar.