Stefania und Helena Podgórska – Zwei Schwestern, dreizehn Leben und ein Dachboden voller Hoffnung

Helena
Es war Krieg in Polen. Die Straßen von Przemyśl waren erfüllt von Angst, das Flüstern von Deportationen und das dumpfe Rollen von Militärfahrzeugen lag in der Luft. In dieser düsteren Zeit lebten zwei junge Schwestern: Stefania (Fusia genannt), kaum sechzehn Jahre alt (nach anderen Quellen 20 Jahre), und Helena, gerade einmal sechs.
Sie hatten nicht viel – aber was sie hatten, war Mut.

Stefania (Fusia)
Schon vor dem Krieg arbeitete Stefania als Hausmädchen bei der jüdischen Familie Diamant. Sie wurde Teil ihres Alltags, half im Haushalt und war den Kindern eng verbunden. Als die deutschen Besatzer 1942 das Ghetto Przemyśl errichteten, mussten auch die Diamants hinein. In dieser Zeit überschrieben die Eltern Diamant Stefania ihr kleines Haus außerhalb des Ghettos – ein ungewöhnlicher Schritt, der ihr später das Leben vieler Menschen retten sollte.
Im Juli 1942 begann die erste große Deportationswelle ins Vernichtungslager Belzec. Die Eltern und mehrere Brüder von Max Diamant wurden verschleppt und ermordet.

Max (Maks)
Max selbst wurde in einen Deportationszug gezwungen, konnte jedoch unter Lebensgefahr aus dem fahrenden Zug springen und so der sicheren Vernichtung entkommen. Er floh nicht zurück ins Ghetto, sondern machte sich direkt auf den Weg zu Stefania.
Zunächst versteckte sie ihn allein in ihrem kleinen Haus. Wenig später gelang auch seinem Bruder Henryk und dessen Verlobter Danuta die Flucht. Sie schlossen sich Max im Versteck an. Bald darauf kamen weitere Menschen, die Hilfe brauchten. Es wurden immer mehr. Stefania wusste: In diesem kleinen Haus konnten sie nicht sicher bleiben.
Der Umzug – und die noch größere Gefahr
Um alle unterzubringen, zog Stefania in ein größeres Haus in die Tatarska Straße 3 am Stadtrand von Przemyśl. Dort richtete sie auf dem Dachboden ein Versteck ein, in dem am Ende dreizehn jüdische Männer, Frauen und Kinder lebten.
Das Risiko war unermesslich: Deutsche Krankenschwestern zogen mit ihren Soldatenfreunden in das Zimmer direkt unter dem Dachboden ein. Jede Bewegung, jedes Husten konnte entdeckt werden.
Stefania übernahm in dieser Zeit nicht nur die Verantwortung für das Versteck, sondern auch für die komplette Versorgung aller. Sie nahm mehrere Arbeiten an – unter anderem in einer deutschen Fabrik und mit Näharbeiten – um Geld zu verdienen. Oft tauschte sie Kleidungsstücke oder Wertgegenstände der Versteckten auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel. Häufig ging sie selbst hungrig schlafen, damit für alle anderen genug da war. Jeder Gang durch die Stadt war ein Wagnis: ein misstrauischer Blick, eine zu große Einkaufstasche – und alles hätte auffliegen können.
Helena, noch ein Kind, lernte früh, sich lautlos zu bewegen, Wasser zu schleppen, beim Kochen zu helfen und die Versteckten zu warnen, wenn Gefahr drohte. Früh musste das Mädchen lernen, was es heißt, Verantwortung zu tragen – leise, ohne Klagen.
Die Befreiung
Am 27. Juli 1944 wurde Przemyśl befreit. Die Menschen, die monatelang in drangvoller Enge über den Köpfen der Besatzer gelebt hatten, konnten wieder das Tageslicht sehen. Alle dreizehn überlebten – ein Wunder, das ohne den Mut zweier Schwestern nicht geschehen wäre.
Ein neues Leben
Nach dem Krieg heiratete Stefania den Mann, dessen Leben sie zuerst gerettet hatte – Max Diamant. Er änderte später in den USA seinen Namen zu Josef „Joe“ Burzminski. 1961 wanderten die beiden dorthin aus. Joe wurde Zahnarzt. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder: Ed und Krystyna.
Auch Helena ging ihren eigenen Weg ins Ausland.
1979 ehrte Yad Vashem die Schwestern als „Gerechte unter den Völkern“ – ein stilles, aber bedeutendes Zeugnis dafür, dass Mitgefühl stärker ist als Angst und Hass.
Joe starb am 17. Juli 2013 im Alter von 88 Jahren in Los Angeles. Stefania starb 2018 in Los Angeles, im hohen Alter, umgeben von einer Familie, die es ohne ihren Mut nie gegeben hätte.
Warum ihre Geschichte wichtig bleibt
Die Geschichte von Stefania und Helena erinnert uns daran, dass Heldenmut oft im Verborgenen wächst.
Es sind nicht immer die großen Gesten, die Geschichte schreiben, sondern die stillen, beharrlichen Taten – ein Teller Suppe, ein Stück Brot, ein Dachboden voller Hoffnung.
Und sie zeigt: Auch in der dunkelsten Zeit kann ein Herz, das sich nicht verschließt, Licht bringen.
Die 13 Geretteten im Dachboden von Stefania und Helena Podgórska
Über viele Monate hinweg lebten diese Menschen dicht gedrängt unter ständiger Lebensgefahr im Versteck der beiden Schwestern. Jeder von ihnen überlebte – dank des unerschütterlichen Mutes und der Opferbereitschaft von Stefania und Helena:
Max / Maks (Maksymilian) Diamant – erster Geretteter, später Ehemann von Stefania.
Henryk (Henek) Diamant – Max’ Bruder.
Danuta Karfiol – Henryks Verlobte.
Wilhelm „Wili“ Schillinger – Zahnarzt, bei dem Max zuvor gearbeitet hatte.
Frederika „Dziusia“ Schillinger – seine Tochter, etwa 12 Jahre alt.
Sala Hirsch – verheiratet mit Monek Hirsch.
Dr. Leon Hirsch – Cousin von Sala, unterstützte finanziell.
Mojzes „Monek“ Hirsz – Ehemann von Sala.
Siunek Hirsch – Sohn von Dr. Hirsch.
Malwina Zimmerman – Mutter von Cesia und Janek.
Teodora „Cesia“ Zimmerman – Tochter von Malwina.
Janek Zimmerman (Jack) – Sohn von Malwina.
Jakob “Janek” Dorlich – jüdischer Postbote, letzter, der ins Versteck kam.
Verfilmung der Geschichte
Viele Jahre nach dem Krieg wurde die bewegende Geschichte der Schwestern Stefania und Helena sowie der dreizehn Geretteten in einem Film festgehalten. Unter dem Titel „Hidden in Silence“ (1996, dt. „Polen 1941 – In Stille gefangen“) brachte die US-amerikanische Produktion das Schicksal der Mädchen und ihren außergewöhnlichen Mut auf die Leinwand. Der Film macht deutlich, wie riskant es war, inmitten von Krieg und Besatzung Menschlichkeit zu bewahren – und wie zwei junge Frauen durch ihre Opferbereitschaft zu Lebensretterinnen wurden. So bleibt ihr Vermächtnis nicht nur in den Erinnerungen der Geretteten, sondern erreicht bis heute Menschen in aller Welt.
Dokumentation & Weiterführende Ressourcen
Für alle, die tiefer in die Geschichte von Stefania und Helena Podgórska eintauchen möchten, bietet das United States Holocaust Memorial Museum eine halbstündige englischsprachige Dokumentation an. Sie ist hier abrufbar: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn49771
Darüber hinaus engagiert sich die Stefania Podgórska Foundation (kurz: Stefi Foundation) dafür, das Vermächtnis der Schwestern lebendig zu halten. Ihr Leitsatz lautet: „One thought, one act, one person, can change the world.“ – „Ein einzelner Gedanke, eine einzelne Handlung, ein einziger Mensch kann die Welt verändern.“
Auf der Website finden sich zahlreiche Informationen, Interviews, Bildungsprojekte und Medienmaterialien, die die Rettungsgeschichte aufgreifen und in die Gegenwart übertragen: https://thestefifoundation.org/
Weitere Informationen gibt es auch auf der Gedenkstätte Stille Helden: https://www.gedenkstaette-stille-helden.de/stille-helden/biografien/biografie/detail-259
Hinweis: Die Geschichte der Schwestern Podgórska ist durch Zeitzeugenberichte, die Yad-Vashem-Dokumentation und den Film Hidden in Silence überliefert. Einige Details – etwa das genaue Alter Stefanies oder die Reihenfolge der Ereignisse – werden in verschiedenen Quellen leicht unterschiedlich dargestellt. Der Kern ihrer mutigen Tat – die Rettung von 13 Menschen – ist jedoch zweifelsfrei belegt.
Quellen
Yad Vashem | United States Holocaust Memorial Museum | Jewish Foundation for the Righteous | Stefi Foundation | IMDb
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Hinweis zu den Bildern
Die im Artikel verwendeten Zeichnungen und Portraits wurden mithilfe moderner KI-Technik erstellt. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung, um die Geschichte von Stefania und Helena Podgórska lebendig und greifbar zu machen – sie sind keine originalen historischen Aufnahmen.